Das perfekte Märchen

 

Eine Kurzgeschichte von Clarissa Nguyen

 

Clarissa Nguyen studiert BWL an der Universität Duisburg-Essen. Obwohl sie immer schon viele Ideen für Geschichten hatte, ist sie erst durch die Teilnahme an meinem Schreibkurs richtig zum Schreiben gekommen. In ihrer Freizeit singt sie, spielt Gitarre und backt, doch die Inspiration für das Schreiben kommt in erster Linie von ihren Geschwistern, mit denen sie sehr viel Zeit verbringt. Inzwischen arbeitet sie an weiteren Geschichten und möchte demnächst auch an Wettbewerben teilnehmen. 

 

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Es war einmal vor langer Zeit in einem fernen Land jenseits des Horizonts ein Königreich.

Das Königreich war klein, doch es war gesegnet mit fruchtbaren Ländereien, welche

zahlreiche leckere Früchte hervorbrachte, sodass die Bürger nie an Hunger litten. Eines

Tages tauchte ein Tagelöhner auf, dieser von Dorf zu Dorf wanderte und nach Arbeit suchte.

Zufälligerweise fand er diese in einem der Ländereien und bekam eines der Früchte zu

kosten. Als er den Apfel kostete, sprang er voller Freude auf und verkündete, dass er auf

seinen Lohn verzichten würde, wenn er doch nur sieben weitere Früchte bekäme. Doch die

Dorfbewohner bestanden darauf, den jungen Mann auszuzahlen, dieser wiederum auf die

Früchte beharrte. Drei Tage und Nächte bettelte der Tagelöhner die Dorfbewohner an, bis

diese unter der Bedingung einwilligten, niemanden zu erzählen, woher er die Früchte

bekam. Überglücklich willigte er ein und machte sich einen Tag später in die benachbarten

Königreiche auf, in dem er freudig aber sparsam die sieben Früchte teilte. Die Menschen,

die sie aßen, waren begeistert und wollten rasch mehr. Es dauerte jedoch nicht lange, bis

die Menschen …

 

„Hey Lynn, was machst du gerade?”

 

Lynn zuckte zusammen.

 

„Was schreibst du da?” Neugierig spähte Noel auf das Papier, welches Lynn mit den Händen zu verstecken schien.

 

„Ach, du bist es, Noel!”, erleichtert atmete Lynn aus und ihre Hände entspannten sich, „Wir

lesen in Deutsch gerade Fabeln und Märchen und als Hausaufgabe muss ich jetzt ein

Märchen schreiben.”

 

Noel schaute mit gerunzelter Stirn abwechselnd zu seiner Schwester und dem Papier, welches immer noch auf dem Schreibtisch lag.

 

„Noel, das sind die Geschichten, die Mama uns früher immer vorgelesen hat. Na ja, dir immer noch vorliest.”, fügte Lynn hinzu, worauf sich Noels Miene erhellte.

 

„Oh, voll toll! Worum geht’s?”, erkundigte sich Noel freudig und beugte sich gespannt über

den Tisch. Lynn las ihm das Geschriebene vor. Nachdem manche Begrifflichkeiten aus dem

Weg geräumt waren, meldete sich Noel wieder zu Wort.

 

„Also, ein Mann arbeitet den ganzen Tag und bekommt kein Geld, nur einen Apfel. Und dann

muss er betteln, nur um einen weiteren zu bekommen? Der Arme hat doch Hunger! Wenn

Papa von der Arbeit kommt, würde er auch nicht von einem Apfel satt werden, so viel wie

Papa immer isst!”

 

Kopfschüttelnd starrte Lynn ihren kleinen Bruder an.

 

„Noel, darum geht es hier gar nicht! Es geht, darum, dass die Menschen nicht genug von den Äpfeln bekommen und durch die Gier alles in Schutt und Asche brennen.”

 

Noel schaute sie verständnislos an.  „Das hast du doch gar nicht geschrieben”, entgegnete er.

 

„Na, ich war doch noch gar nicht fertig!”

 

Noch ehe Lynn noch etwas sagen konnte, führte Noel fort: „Ich verstehe das einfach nicht, so gut schmecken Äpfel jetzt auch nicht.”, er wedelte mit den Händen und legte seine Hand sanft auf ihre Schulter, „Lynn, es tut mir leid dir das sagen zu müssen”, er machte eine dramatische Pause, „aber das ist kein Märchen. Keine Fee, kein Drache, es hat ja nicht mal ein gutes Ende! Das kann gar kein Märchen sein!”

 

In Hoffnung seiner Schwester, die Fakten verständlich zu machen, blickte er ihr tief in die Augen.

 

„Weißt du Noel, nicht jedes Märchen hat ein Happy End.”

 

Den genervten Blick, sowie die Worte seiner Schwester bemerkte er nicht, denn Noel war schon zu tief in seinen Gedanken.

 

„Aber keine Sorge, ich kann dir helfen!”, sagte Noel und grinste breit, wobei er mit einer

großen Geste auf sich zeigte. Doch Lynn verschränkte ihre Arme und blickte ihn ungläubig

an, was Noel diesmal bemerkte.

 

„Doch, doch! Vertrau mir!”

 

Lynn seufzte, als hätte sie aufgegeben, mit Noel zu diskutieren.

 

„Und was würdest du es tun, Herr Professor?”

 

„Herr Professor Doctor Noel, wenn ich bitten darf!”, gab Noel Stolz von sich und rückte seine imaginäre Brille zurecht. Lynn grinste ihn bei dem Anblick schief an.

 

„Zuallererst fehlt in deiner Geschichte ein Drache! In einem guten Märchen gibt es immer

einen Helden, der den Drachen bekämpft und dann…”, er schlug sich mit der Handfläche

auf die Stirn, „Natürlich! Lass uns Julius fragen! Er weiß bestimmt, was ich meine!”

 

Noch bevor Lynn irgendetwas dazu sagen konnte, stürmte Noel schon aus der Tür. Auch

gut, dachte sich Lynn, zumindest konnte sie nun in Ruhe weiterschreiben. Es dauerte jedoch

nicht lange, bis Noel Julius, den großen Bruder in der Familie anschleppte und dieser

soeben die Geschichte lass.

 

„‘Tagelöhner’, ’Ländereien’ und Co, die Wörter hast du bestimmt aus dem Internet, oder?”, witzelte Julius. Obendrein wedelte er das Blatt hin und her, was Lynn ihm sofort aus der Hand nahm.

 

„Und wenn schon”, wandte Lynn ein, „ich brauche deine Hilfe nicht.”

 

„Ach komm schon, das war als Kompliment gemeint, es ist gar nicht mal so schlecht.”, gab

Julius zu, „aber einen Drachen hättest du schon einbauen können.”

 

„Siehst du Lynn? Genau meine Worte!”, mischte sich Noel lauthals ein. Skeptisch beobachtete Lynn die beiden, presste die Lippen zusammen und öffnete sie kurz darauf wieder:

 

„Na gut, ich höre.”

 

Julius lächelte zufrieden.

 

„Wie wärs, wenn wir die Geschichte etwas umschreiben? Dass die Früchte von einem Drachen bewacht werden, die Leute zufällig davon kosteten und mehr wollten.”

 

„Genau! Aber der Drache war selbstsüchtig und wollte die Früchte nur für sich. Also

tauchte ein Held auf, der den Drachen besiegt und alle sind glücklich!”, rief Noel

dazwischen.

 

„Und die Moral der Geschichte?”, fragte Lynn mit hoch gezogenen Augenbrauen. Zudem

fügte sie hinzu: „Was die Geschichte sagen soll, Noel.”, und guckte explizit ihren kleinen

Bruder an.

 

Noel verdrehte die Augen.

 

„Ach, das ist doch kinderleicht. Die Geschichte will sagen: Teilen ist das A und O und Drachen sind super cool!”, verkündete er mit gehobenen Fingern, woraufhin Julius hell auflachte und seinem kleinen Bruder durch das Haar wuschelte.

„Genau, Noel!”, versicherte Julius und hielt ihm die Faust hin, worauf hin Noel freudig den Faustschlag erwiderte.

 

Zufrieden nickten die Brüder und diskutierten aufgeregt weiter, wie das Märchen weitergehen würde. Sie waren so bei der Sache, dass keiner von beiden bemerkte, dass Lynn inzwischen über alle Berge war und ihr Märchen woanders weitersponn.

 

Am Tag der Abgabe fand die Lehrerin eine Notiz unter einer der Geschichten:

 

Wissen Sie was? Ich lass das jetzt so. - Lynn

 

(gepostet: 27. Mai 2022)