Willkommen zu Deiner Thriller-Therapie

Ein Gastbeitrag von Anna Baron

 

Anna Baron, geboren 1978, hat eine Ausbildung zur Altenpflegerin gemacht, dem sich eine Weiterbildung zur Fachaltenpflegerin für palliative Pflege und als Wohnbereichsleitung anschloss. Sie studierte Pflegepädagogik, arbeitete als Lehrerin für Pflegeberufe, als Qualitätsmanagementbeauftragte und als Wohnbereichsleitung in einer stationären Einrichtung. „Ich komme näher“ ist ihr erster Roman und erscheint im Selfpublishing am 01.03.23.

 

Website: www.abaron-thriller.com

Instagram: @writing.anna78

E-Mail: autorin@abaron-thriller.com

Foto: A. Baron

 

Ich erzähle Dir eine Geschichte. Meine Geschichte. Du wirst erfahren, warum und wie ich Autorin wurde und was das Schreiben für eine Bedeutung für mich hat.

 

2019 musste ich am Kleinhirn operiert werden, weil ich seit 2016 immer weiter ansteigende, starke Schmerzen in der rechten Gesichtshälfte hatte. Die Tabletten hatten ihre Wirkung verloren. Ich konnte nicht mehr essen, trinken und sprechen. Nachdem ich die Folgen der OP überstanden hatte (nach drei Monaten), war ich schmerzfrei. Hooray! Euphorisch und dankbar begann ein ganz neues Leben für mich.

 

Ich arbeitete aktiv in der Pflege und leitete gleichzeitig meinen Wohnbereich. Am 17.11.21 kamen die Schmerzen zurück. Und zwar schlimmer, als je zuvor. Explosionen im Kopf. Vernichtende Nervenschmerzen im Gesicht. Notfallmäßig war ich im Krankenhaus und bekam dieselben Medikamente, wie zwei Jahre zuvor. Es half minimal, die Medikamente wurden immer höher dosiert, bis ich wegen der Nebenwirkungen kaum noch laufen konnte. Ein halbes Jahr lang versuchte meine Neurologin, mir zu helfen und die Schmerzen in den Griff zu bekommen, aber nichts half. Es war so eine Qual, dass ich dachte, bevor ich weiter so leben muss, steige ich lieber aus. Im Mai 2022 kam ich in die Schmerzklinik Herford, in der ich einige Wochen stationär aufgenommen wurde. Vorab, das war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte!!! Dort wurde festgestellt, dass bei der OP 2019 Nerven und Gewebe in der rechten Seite meines Kopfes beschädigt wurden. Es bedeutete, dass die Schmerzen nicht mehr verschwinden würden. Nie mehr. Es bedeutete auch, dass ich nicht mehr arbeitsfähig werden würde. In der Klinik stand ich anfangs unter Schock. Ich bekam andere Medikamente, die die Schmerzen wenigstens dämpften, und musste lernen, wie ich nun mit einem Leben voller Schmerz umgehen sollte.

 

Ich entwickelte, gemeinsam mit meinen Ärzten, Therapeuten und Psychologen Strategien, die ich - je nach Schmerzintensität - anwenden konnte, um mich, so gut es geht, abzulenken. Denn es gibt leider keine Wunderpille, die mir Schmerzfreiheit schenken könnte, wurde mir gesagt.

 

„Sie könnten schreiben. Sie haben doch Stifte da.“

 

In der Tat. Ich stand auf handgeschriebene Briefe und Tagebücher. Also fing ich an zu schreiben. Ziel war es, einfach viel zu beschäftigt zu sein, um mich um meinen Schmerz kümmern zu können.

In der Klinik begann ich, über einen Plot nachzudenken und schrieb alles auf. Ich merkte, dass das Schreiben mich tatsächlich sehr gut von den Dauerschmerzen ablenkte. Donnerschlag! Es machte sogar unfassbar Spaß! Es kam mir vor, wie ein Wunder! Schreiben wurde zu meiner Entspannung. Zu meiner Meditation. Zu meiner Wunderpille.

 

An manchen Tagen fühlen sich meine Probleme groß an. Besonders an Tagen, an denen ich extreme Schmerzen habe. Ich könnte dann heulen wegen dem, was aus mir geworden ist. Zuvor: Fachaltenpflegerin der palliativen Pflege, Chefin mit einem super Team, 50 Stunden Wochen, sportlich sehr aktiv, keine Einschränkungen.

 

Und jetzt? 25 kg zugenommen, maximal 10 min Sport, weil mein Kreislauf dann streikt, nicht arbeitsfähig, eigentlich immer von Schmerzen geplagt - auch wenn ich mich an den "Grundschmerz" gewöhnt habe. Nicht fähig den Haushalt zu führen oder Auto zu fahren. Vier Mal täglich Tabletten, daneben Tens-Gerät zum Muskeln entspannen, Pfefferminzöl Einreibungen, Coolpacks... Nichts ist mehr, wie vorher. Hier könnte nun ein Punkt gesetzt werden.

 

Mach ich aber nicht!

 

Der Trick ist, nicht darüber nachzudenken, was Mal WAR! Sondern zu sehen, was toll IST! Ich muss nicht mehr täglich 100km zur Arbeit und zurück fahren. Unsere Hunde freuen sich, nicht alleine zu sein. Meine Familie und ich haben uns an die neue Situation angepasst und alle helfen mit. Ich genieße jeden Tag, an dem der Schmerz geringer ist und bin dankbar dafür. Ich unterziehe mich der besten Therapie der Welt. Ich schreibe. Unzählige Stunden am Tag. Ich schreibe, lese, gucke Thriller. Erlebe Abenteuer, halte die Luft an vor Spannung oder grusele mich, ohne das Haus zu verlassen.

 

Seit 15 Monaten lebe ich ein anderes Leben. Seit 460 Tagen arbeite ich hart daran, es lebenswert zu gestalten. Es hilft, dem Schmerz gedanklich keinen Platz einzuräumen, nicht wieder in Panik zu verfallen, wenn es schlimm wird. Zu schreiben erfüllt mich und gibt mir das Gefühl, etwas wert zu sein. Es musste kommen, wie es gekommen ist. Ja, ich habe Schmerzen und ja, sie schränken mich ein. Aber es ist okay. Ich hätte sonst nie zum Schreiben gefunden. 

 

Ich bin immer noch verblüfft, wie sehr ich das Schreiben liebe. Es ist, als hätte ich all die Jahre nur darauf gewartet, endlich schreiben zu können!  Ich schreibe mit so viel Liebe, Hingabe und Leidenschaft, dass ich davon überzeugt bin, meine Berufung gefunden zu haben. Scheiß auf die Schmerzattacken. Scheiß auf meine schmerzbedingte Depression. All das zählt nicht, solange ich schreibe.

 

Einen Neuanfang hatte ich bereits, als ich mit dem Schreiben begann. Der nächste Neuanfang steht bevor. Meine erste Buchveröffentlichung! Diese neue Lebensphase ist ebenfalls geprägt von Ungewissheit. Wird irgendjemand lesen, was ich geschrieben habe? Wird irgendjemand zu meinen Lesungen kommen? Ist das Buch gut genug? Werde ich in der Luft zerrissen in Rezensionen? Was auch immer kommt und passieren wird, es wird ein Neuanfang sein. Ich betrete eine lange Brücke, deren Ende ich nicht sehen kann. Aber das ist nicht schlimm. Ich breche auf und gehe der Ungewissheit entgegen. Egal, was kommt. Ich mache weiter. Und ich schreibe weiter.

 

Vielen Dank, Anna, dafür, dass Du Deine Geschichte für meine Homepage aufgeschrieben hast. Im täglichen Denken und Zweifeln, euphorischem Schreiben und verzweifeltem Ankämpfen gegen Schreibblockaden vergesse ich manchmal, was für ein Geschenk das Schreiben ist. Mit Deiner Geschichte passiert mir das nicht mehr. (gepostet: 20.02.2023)