Entdecke die Welt in Dir!

 

Ein Gastbeitrag von Madelin Minutella

 

Madelin Minutella wurde 1997 in Oberfranken geboren, studiert Erziehungswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen und nahm bereits an zwei Schreibseminaren teil. Schon seit einigen Jahren publiziert sie kurze Prosatexte in ihrem eigenen Blog, die von einer dichten und ehrlichen Emotionalität geprägt sind. Zur Zeit arbeitet sie an weiteren Kurztexten, die sie schon bald regelmäßig online publizieren will.

 

Hier geht es zu ihrem Blog mit dem Titel "Perlen von der Müllkippe"

 

 

 

 

 

Gesellschaften vermitteln gerne ein Bild von Realität, dabei gibt es im Leben nicht die eine Realität. Das Leben ist Wahrnehmung. Jeder Mensch erschafft allein durch seine Art und Weise zu denken und Dinge wahrzunehmen seine eigene Wirklichkeit. Medien, Statistiken und Fakten erzeugen eine allgemeine Realität, geben vor, was als wirklich angesehen werden soll. Wer sich darin wiederfindet, fühlt sich bestätigt, doch was ist mit jenen die nicht in das Muster passen, in ihrer eigenen Realität leben? Nennen wir es mal so. Was ist mit Menschen, die Dinge und Situationen anders wahrnehmen, als sie es sollten? Diese gehen im öffentlichen Diskurs unter, es wird darauf verwiesen, es seien Einzelfälle und nicht repräsentativ für die Masse. Doch besteht die Masse nicht aus vielen Individuen? Schicksalen? Wahrnehmungen? Wirklichkeiten?

 

Falls Dir das Bisherige zu abstrakt vorkommt, stell dir eine alltägliche Situation vor, zum Beispiel einen Streit zwischen zwei Freunden. Die Gegebenheiten, die Thematik, um die es geht, ist dieselbe, beide haben die gleiche Situation erlebt und dennoch, wenn Du im Nachhinein beide einzeln befragst, bekommst Du zwei unterschiedliche Geschichten zu hören. Es heißt nicht, dass einer von beiden Tatsachen verdreht, sondern das gleiche Gespräch nur anders wahrgenommen, interpretiert und verarbeitet wurde. Zwei Menschen, zwei Wahrnehmungen, zwei Realitäten und beide haben ihre Berechtigung.  

 

Ich persönlich habe sehr früh damit begonnen, in Form von Tagebucheinträgen, meine Realität auszuformulieren. Mit 9 Jahren habe ich mein erstes Tagebuch geschenkt bekommen und bis heute ist es mein ständiger Begleiter. Anfangs noch mit Glitzerstiften erzählt, dass mein Goldfisch gestorben ist oder dass ich einen Film bis 22 Uhr gucken durfte, wurde es mit der Zeit tiefgründiger. In meinen Erzählungen wurde eine Entwicklung sichtbar, von der Welt außen zur Welt in mir drin. Diese Art der Reflexion findet sich auch in meinen Texten wieder. 

 

Aufgrund meiner psychischen Erkrankung, die sich schon im Jugendalter entwickelt hat, habe ich mich nie als Teil der Masse empfunden. Ich fühlte mich anders, unangemessen, nicht gesellschaftskonform. Man sagte mir, ich hätte eine verschobene Wahrnehmung, Ärzte sagten mir, ich sei gestört. Mit dieser Sicht auf mich und die Welt fühlte ich mich sehr allein. Die meiste Zeit hatte ich das Gefühl, niemand könne mich und meine Art zu Denken und zu Fühlen verstehen, als hätte meine Art der Wahrnehmung keine Berechtigung. Aus dieser Einsamkeit heraus habe ich begonnen, mich in Form von Poesie und Prosa auszudrücken, um meine Gedanken zu sortieren und anderen zu vermitteln, wie es in mir aussieht. Mittlerweile habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, neben meiner eigenen Wahrnehmung auch die Anderer zu formulieren. Mit dem Ziel, Betroffenen eine Stimme zu geben und Interessierte für die Realitäten von „Einzelfällen“ zu sensibilisieren, schreibe ich aus der Sicht des Betroffenen und schildere seine Innenwelt. Mein Appell: Deep talk, statt small talk. Öffne Dich, finde Zugang zu deinen Gefühlen und Gedanken, erforsche deine Innenwelt, trage sie nach Außen und Du wirst mit Offenheit anderer belohnt. Meine Erfahrung. 

 

Diesem Schreibstil treu geblieben, hat sich irgendwann herauskristallisiert: Ein guter Text fesselt auch ohne großes Drumherum. Man muss nicht zwingend eine neue Welt erschaffen oder sich eine tiefgehende, detaillierte Story überlegen, um das Interesse des Lesers zu wecken. Allein die Beschreibung von Gefühlen, Gedanken und deren Auswirkungen auf den Protagonisten reichen, um ganze Seiten zu füllen. Eine schwierige, aber umso wichtigere Disziplin des Schreibens ist es, eine persönliche Beziehung zwischen Leser und Protagonisten herzustellen. Für mich sollte ein Text Gefühle erwecken, zum Nachdenken anregen, im besten Fall unter die Haut gehen. Eben deep talk, statt small talk. In der Umsetzung gibt es drei Punkte, die wirklich relevant sind: Persönlichkeit, Realitätsnähe und Authentizität. Was ich darunter verstehe, möchte ich im Folgenden kurz erläutern. 

 

Persönlich wird es, sobald der Protagonist den Leser in seine dunkelsten Geheimnisse einweiht und Offenheit signalisiert. Wenn es einem vorkommt, als kenne man sich, wird ein Gefühl von Vertrauen geweckt. Dies fördert die Empathie und öffnet den Zugang zum Herzen. Vertrauen bindet den Leser emotional an den Protagonisten, dabei muss diese Verbindung nicht zwingend positiv sein. Sympathie, Wohlwollen und Mitgefühl kennt man schon,…wie wäre es zum Beispiel mit Provokation, Wut, Besorgnis oder Verachtung? Mit Emotionen lässt sich innerhalb einer Geschichte wunderbar spielen und je mehr man mit reinbringt, desto intensiver die Beziehung. 

 

Mit Realitätsnähe ist gemeint, dass der Text einen nicht zu abstrakten Verlauf annehmen sollte. Um Verständnis zu schaffen, gibt man dem Leser erstmal etwas, das er kennt, mit dem er bereits vertraut ist. An diesem Punkt kann man dann anknüpfen und seiner Fantasie freien Lauf lassen. Ein gewisser Bezug zum allgemein Bekannten sollte dabei bestehen bleiben, zum Beispiel in Form von Vergleichen, um nicht zu große Verwirrung zu stiften, die die Message untergraben würde. Beschreibungen, Symbole, Metaphern oder Sinnbilder helfen auch die abstraktesten Gedanken nachvollziehbar und dennoch kreativ zu formulieren. 

 

Ganz egal, wie man die Realität des Protagonisten gestaltet, welche Persönlichkeit man erfindet, wie die Wahrnehmung beschrieben wird, Authentizität ist wichtig. Um das Interesse aufrechtzuerhalten und die Beziehung zwischen Leser und Protagonisten zu vertiefen, sollte es stets glaubwürdig bleiben. Authentische Charaktere erreichen auf anderer Ebene, denn es regen nur die Dinge zum Nachdenken an, die ernst genommen werden. Geht das Gefühl der Echtheit erst einmal verloren, fällt es schwer die Message ernst zu nehmen. 

 

Um Wahrnehmungen nachvollziehbar ausdrücken zu können, ist es wichtig, sich mit seiner eigenen Innenwelt intensiv auseinander zu setzen. Es erfordert vor allem Mut, seine Gefühle und Gedanken zu erforschen, aber der Weg lohnt sich. Selbstreflexion bereichert nicht nur das Schreiben, sondern verhilft auch zu einem besseren Gefühl für sich selbst und sein Verhalten, sowie für zwischenmenschliche Beziehungen. Reflektiertes Denken sprengt alte Muster und öffnet Wege zu neuen Denkweisen und somit auch zur Kreativität. In jedem Text steckt etwas Eigenes, etwas Persönliches von mir als Privatperson drin. Ich erkenne mich in meinen Charakteren ein Stück weit selbst wieder, denn nur wenn ich eine Beziehung zu meinen Protagonisten aufbauen kann, können es auch andere. Mit jeder Entwicklung meines Selbst, entwickeln sich neue Charaktere und Inhalte für meine Texte. Mein wichtigster Schreibtipp: Entdecke die Welt in dir! (gepostet: 8.1.21)