I, Tonya (Filmstart: 22.3.2018)

Wenn man sich die Webseite filmstarts.de ansieht, wird der Film folgenden Genres zugeordnet: Drama, Biografie, Komödie. Angesichts des tragikomischen, nahezu absurden Werdegangs von Tonya Harding ist auch ihr Leben mit diesen drei Begriffen recht gut bezeichnet. Hierzulande erinnert man sich wohl noch vage an etwas, das im Vorfeld der Olympischen Winterspiele in Lillehammer 1994 die Weltpresse beschäftigte: Das Duell zwischen den beiden US-amerikanischen Rivalinnen Tonya Harding und Nancy Kerrigan. Auf letztere war im Vorfeld ein Attentat mit einer Eisenstange verübt worden, von dem sich später herausstellte, dass es Hardings Mann Jeff Gillooly inszeniert hatte. Wohl hat die Öffentlichkeit nie mehr Interesse an einer olympischen Endausscheidung im Eiskunstlauf der Damen gezeigt als in diesem Jahr.

 

Tonya Harding steht, ähnlich wie zum Beispiel ein paar Jahre später Monika Lewinsky, für das sich fremdschämende Amerika. Ihre Geschichte wurde in Texten und Büchern beschrieben, sogar eine Oper wurde komponiert und nun gibt es, nahezu folgerichtig, den Kinofilm zu ihrem Leben bis zu diesem entscheidenden Punkt. Aus Harding wurde etwas, das man besonders in den USA nicht so gut leiden kann: eine Verliererin. Als eine fraglos talentierte Eiskunstläuferin gewann sie in jungen Jahren die US-amerikanischen Meisterschaften und wurde Vizeweltmeisterin bei der WM in München. 1992 erreichte sie bei Olympia aber nur den sechsten Platz und 1994 den achten, nachdem ihre Teilnahme ohnehin im Zuge der Ermittlung nur gerichtlich durchzusetzen war. Als dann die Verwicklung ihres Ehemanns in das Attentat unleugbar wurde, stand sie als die große Verliererin dar: Entweder hintergangene Ehefrau oder eifersüchtige „Eishexe“, die eine Konkurrentin mit mehr als unlauteren Mitteln ausschalten wollte. Egal, was sie behauptete, ihr Ruf war für alle Zeiten ruiniert, was sich mit ihrem lebenslangen Ausschluss von allen Wettkämpfen im Eiskunstlauf noch gerichtlich manifestierte.

 

Der Film „I, Tonya“ stellt nun die Geschehnisse aus der Sicht der titelgebenden Tonya Harding dar. Zu Beginn soll deutlich werden, dass sich die Autoren in der Hauptsache auf Interviews mit ihr, ihrem Mann und ihrer Mutter beziehen. LaVona „Harding“ Golden (gespielt von Allison Janney, die dafür den Golden Globe als beste Nebendarstellerin bekam) ist als kaltherzige Mutter die treibende Kraft bei der Förderung von Tonyas Karriere. Ihrer Auffassung, ihre Tochter sei nur gut, wenn man sie immer wieder mit Repressalien dazu zwinge, setzt sie durch stetige Gemeinheiten und Liebesentzug konsequent um. Das bringt zwar anfangs den gewünschten Erfolg, verleitet aber Tonya auch dazu, ihre Jugendliebe Jeff Gillooly zu heiraten, der sie ebenfalls regelmäßig verprügelt und misshandelt. Darüber hinaus macht Tonya die leidvolle Erfahrung, als exzentrisches Kind aus einfachen Verhältnissen nicht in das verbreitete Idealbild der „Eisprinzessin“ zu passen und bringt sogar einen Juror dazu zuzugeben, dass sie deswegen in der Bewertung regelmäßig benachteiligt wird. Um ihr Leben der Heile-Welt-Vorstellung der Branche anzupassen, versöhnt sie sich mit ihrem eigentlich schon vom Hof gejagten Ehemann. Der wiederum erweist ihr mit der Planung und Durchführung des Attentats auf Nancy Kerrigan den Bärendienst ihres Lebens und leitet somit ihren Untergang ein.

 

Wenn dies eine fiktive Geschichte wäre, könnte man sie fast als genial bezeichnen. Da man es aber mit größtenteils nachweisbaren Ereignissen zu tun hat, bleibt tatsächlich ein Beigeschmack unterschiedlicher Ausprägung. Einerseits ist die Handlung natürlich aus der Sicht von Tonya Harding geschildert, das heißt, wir haben es mit einer Perspektive zu tun, aus der man sie in vielen Situationen als Opfer sieht. Andererseits sind die Misshandlungen durch Mutter, Ehemann und Sport-Establishment gar nicht so der Punkt. Vielmehr bekomme ich mit zunehmender Wirkung des Films eine Idee davon, wie sehr in solchen leistungsorientierten Gesellschaften das Glück und der Erfolg von den Vorstellungen und Vorurteilen Anderer abhängig ist und dass es eben nicht nur auf die Fähigkeiten ankommt, selbst wenn sie noch so überragend sind. Das mag im Ganzen eine Binsenweisheit sein, aber sie ist nicht oft so nachdrücklich umgesetzt worden. Tonya Harding ist der Stachel im Hintern des amerikanischen Traums. Vom Tellerwäscher zum Millionär? Nur wenn die Millionäre es wollen. Deswegen ist der Film so bemerkenswert.

(gepostet: 1.2.2018)