Working in a coal mine

Kreativität bedeutet, die „Box“ der eigenen gewohnheitsmäßigen Gedanken zu verlassen. Ich habe in meinem Leben nur ein einziges Mal ein Seminar zu Kreativität besucht im Jahr 2011 an der Ruhr Universität Bochum. Aber das hat bis heute gereicht. Es war großartig und hat mir viele Einsichten in meinen eigenen Schaffensprozess beschert. Ich habe selten bei einem so guten Lehrer lernen dürfen und für den Fall, dass er diese Zeilen einmal zu lesen bekommt, möchte ich mich noch einmal ganz herzlich für diese wertvolle Erfahrung bedanken. Die Bedeutung der „Dekonstruktion“ und der „Endfokussierung“ hat er mir klar vor Augen geführt. Die Kreativtechniken, die wir an diesen zwei Tagen gelernt haben, waren weder neu noch kompliziert. Wir haben vielmehr die Erfahrung gemacht, dass man sie nur richtig anwenden muss. Kreativität ist kein Prozess, bei dem eine Idee einfach so vom Himmel fällt. Es ist kein seichter Tanz über eine Blumenwiese, sondern eher mit dem Schürfen in einem Bergwerksstollen vergleichbar. Man wühlt sich durch Tonnen von Geröll, um vielleicht irgendwann einmal auf eine Ader zu stoßen.

 

Dabei besteht keine Geschichte, und schon gar nicht ein ganzes Buch, nur aus einer einzigen Eingebung. In meinem Roman „At Dawn They Sleep“ habe ich nicht weniger als 1500 Ideen und Notizen verarbeitet. Natürlich geht es in der Regel los mit einem Gedanken wie „Man könnte mal eine Geschichte über dieses und jenes schreiben“, aber diesen bis ins kleinste Detail auszuarbeiten erfordert eine Menge Ideen, von denen ein nicht geringer Teil ja auch wieder verworfen wird. Ich selbst habe stets zwei Arten von Grundideen für Geschichten, entweder einen kompletten Handlungsablauf oder eine Ausgangssituation. Es passiert oft, dass ich von einer Idee zunächst völlig begeistert bin, sie dann aber ziemlich schnell wieder verwerfe oder unter „Kann man irgendwann mal machen“ ablege. Solche unfertigen Ansätze stapeln sich in meinen Ordnern. Sollte die Idee mich aber beschäftigen, sollten weitere Ideen zu diesem Thema folgen, so kann es durchaus passieren, dass sie ziemlich schnell zu einer Geschichte wächst. An irgendeinem Punkt geht mir es allerdings immer so, dass mir Ungereimtheiten oder Klischees auffallen und dann braucht es eben einen erneuten kreativen Schub, um die Sache weiter voranzutreiben. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten der Kreativtechniken, deren Grundideen ich den Erkenntnissen des Seminars verdanke.

Der komplette Handlungsablauf

Im Grunde kann man sagen, dass eine gute Idee für eine Geschichte insbesondere eine Eigenschaft aufweist: Man kann sie in einem, maximal zwei Sätzen ausdrücken. Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber selbst ein siebenbändiges Werk wie „Harry Potter“ kann man im Grunde so umschreiben: Ein Waisenjunge entdeckt, dass er zaubern kann und besiegt den bösen Zauberer, der seine Eltern umgebracht hat. Das klingt weder sonderlich genial noch innovativ, aber wir alle wissen ja, was daraus geworden ist. Das liegt auch daran, dass J. K. Rowling es geschafft hat, die Begriffe „Waisenjunge“, „entdeckt“, „zaubern“, „böser Zauberer“ und „Eltern umgebracht“ mit so viel Phantasie und so vielen Ideen anzureichern, dass letztlich ein ganzes Harry-Potter-Universum daraus entstehen konnte. Die Qualität dieser Idee kann man schwerlich an diesem einen Satz ablesen, insofern kann es nur ein Kriterium geben, nach dem man darüber eine Aussage treffen kann: Die Idee muss Spaß machen, inspirieren, andere Eingebungen schaffen und vor allem muss man Lust darauf haben, eine solche Geschichte zu schreiben. Einfälle zu Handlungsabläufen kann man unter Umständen zehn Mal pro Tag haben und die meisten werden wahrscheinlich nie umgesetzt. Wichtig bei dieser Variante ist, dass die Formulierung bereits die Quintessenz der Handlung enthält. Das Schreiben ist immer einfacher, wenn man das Ziel kennt, auf das man zusteuert. Meine Traumschrott-Geschichte „Der Ausflug“ zum Beispiel basiert auch auf so einer Idee: Ein Schizophrener, der sich selbst nicht für krank hält, bricht aus einer Klinik aus und erlebt eine alptraumhafte Vision, von der am Ende keiner mehr weiß, ob sie real war oder nicht. Solche Sätze sind wie Weihnachtsbäume, die man nur noch schmücken muss.

Die Ausgangssituation

Natürlich kann es auch passieren, dass man nicht sofort den ganzen Handlungsablauf im Kopf parat hat, sondern erst einmal eine Ausgangssituation, die aber in sich äußerst reizvoll ist. Das Ende ist dabei noch nicht bekannt und es ist durchaus eine schwierige Arbeit, eine Ausgangssituation zu einem Ende zu bringen. Diese Art von Idee ist die typische Trailer-Situation. Man bekommt einen Happen vorgeworfen und will wissen, wie es endet. Diese, zutiefst im menschlichen Gemüt verankerte Eigenschaft ist ohnehin der beste Freund des Autors: „Die Tür öffnete sich und erstarrte, als er es sah“. Schon will ich wissen, was „er“ sah, obwohl ich weder „ihn“ kenne, noch weiß, wo „er“ ist, wie „er“ dorthin gekommen ist oder ob das Ganze überhaupt einen Sinn hat. Zur Zeit läuft der Horrorthriller „Don’t Breath“ in den Kinos. Ein spannender Film, an dem ich besonders mag, dass er im Wesentlichen an einem Ort spielt und nur vier Charaktere enthält. Die Grundidee kann man folgendermaßen formulieren: Drei Jugendliche brechen in das Haus eines alten, aber wehrhaften Kriegsveterans ein und erleben eine alptraumhafte Nacht dort. Neugier garantiert. Meine Geschichte „Das wundersame Bild“, die ich für die von Anja Bagus herausgegebene Anthologie „Mütter“ geschrieben habe, basiert auf folgender Ausgangssituation: Ein schüchterner Junge kauft sich einen digitalen Bilderrahmen, der ihm heldenhafte Fotos von sich zeigt, die in Erfüllung gehen. Auch bei diesen Ideen gilt, dass sie dann gut sind, wenn sie einen selbst inspirieren und man Spaß daran hat. Das ist ohnehin die wichtigste Grundregel beim Schreiben: Wenn der Autor keinen Spaß hat, hat der Leser auch keinen.

Kreativtechniken

Spaß bedeutet natürlich nicht, dass Schreiben nicht auch Arbeit sein kann. Im Gegenteil, denn jetzt kommt der Teil, der mich an das Bergwerk erinnert: Die Ausarbeitung einer Idee. Auch diese Arbeit kann Spaß machen, aber sie ist eben oft anstrengend. Denn eine gute Geschichte zu schreiben bedeutet, dem Leser eine wohlkomponierte Mischung aus Bekanntem, Vertrautem, Unbekanntem und Überraschendem zu liefern, das ihn stets unter Spannung hält und die Welt um sich herum vergessen lässt. Dabei gilt für mich das von dem russischen Schriftsteller Anton Tschechow formulierte Prinzip, dass Klischees tunlichst zu vermeiden sind. Das ist nicht so leicht. Wenn in meiner Geschichte eine schöne Frau mitspielt, was in der Regel zu empfehlen ist, und ich sie das erste Mal beschreiben will, könnte dabei folgender Satz herauskommen: „Sie hatte blondes Haar und blaue Augen“. Das mag im deutschsprachigen Raum auf circa 50 % der weiblichen Bevölkerung zutreffen. Es bedeutet nicht, dass sie nicht blond und blauäugig sein darf. Doch faszinieren werden diese Eigenschaft den Leser nicht unbedingt. Sie braucht etwas Besonders und der Autor somit eine Idee.  Falls die sich aber bei Zeiten nicht auftut, hat man unterschiedliche Möglichkeiten ein wenig nachzuhelfen.

 

Die erste Möglichkeit besteht im guten alten Brainstorming. Richtig angewendet kann es ein nie versiegender Quell von Ideen sein. Wenn ich darüber nachdenke, was eine Frau schön macht, so kreisen meine Gedanken um das Aussehen. Haare, Augen, Figur, Lächeln. All das kann ich aufschreiben und noch einiges mehr. Aber irgendwann gerate ich ins Stocken und das ist der Moment, an dem die meisten Menschen das Brainstorming beenden. Genau darin liegt der Fehler. Warum sollte ich die Schönheit einer Frau nicht an ungewöhnlichen Körperteilen festmachen können? Schlüsselbein, Ohren, Haarspitzen, kleine Zehen. Natürlich ist das eigentlich absurd, doch wenn man gedanklich diesen Weg des Absurden beschreitet, so kommt vielleicht tatsächlich eine originelle Idee dabei heraus. Dass die paar Dutzend andere Ideen völlig daneben sind, die zu der einen guten geführt haben, merkt ja hinterher keiner. Brainstorming kann nur gut funktionieren, wenn man zunächst die naheliegenden Ideen aufschreibt, um dann über die absurden zu den neuen und guten Ideen zu kommen. Ich habe in meinen eigenen Kreativitätsseminaren erlebt, dass Menschen durchaus sehr aggressiv reagieren können, wenn man ihnen sagt, sie sollen auf jeden Fall fünfzig Ideen für etwas aufschreiben. Das ist natürlich anstrengend. Aber der Lohn folgt auf dem Fuße und es wird garantiert etwas Neues und Originelles dabei sein. Das ist die Wirkung der „Dekonstruktion“ einer Vorstellung oder eines Begriffs.

 

Die zweite Möglichkeit besteht darin, sich möglichst weit von dem vorliegenden Problem zu entfernen, andere Eindrücke und Reize zuzulassen und vielleicht sogar von anderen Autoren und ihren Geschichten etwas zu lernen. Ein von mir sehr geschätzter (Drehbuch-)Autor hat mir einmal erzählt, dass er während der Arbeit gerne die streckenweise absolut geniale Serie „Dexter“ schaut, einfach nur, um sich inspirieren zu lassen. Wohl gemerkt, das macht er, während er schreibt. Hier sehen wir bereits die hohe Kunst dessen, was ich gerne Entfokussierung nenne. Die Technik gibt vor, sich mit etwas Anderem zu beschäftigen, um dann mit frischen Eindrücken zum Problem und seiner Lösung zurückzukehren. Für die schöne Frau in unserer Geschichte bedeutet das nicht, dass ich mir jetzt zahlreiche Beschreibungen schöner Frauen in anderen Geschichten ansehe. Das kann ich machen, aber für eine Entfokussierung reicht das nicht. Da helfen vielleicht eher Horrorfilme, Thriller, Dokumentationen und auf einmal fällt mir auf, dass eine Frau auch durchaus ihre Schönheit durch etwas erlangen kann, was sie tut, nicht nur durch ihr Aussehen. Vielleicht hilft sie Tieren, rettet einen Menschen, sitzt in sich ruhend unter einem Baum, spielt graziös Golf oder Anderes. Schon haben wir Ideen, die weit über die übliche Beschreibung hinausgehen.

 

Mit den Grundideen und der Arbeit an ihnen beginnt bei mir das Schreiben in aller Regel. Es ist eine wundervolle Tätigkeit, eine Welt mit seiner Phantasie auszuschmücken und immer neue Ideen zu haben, um sie noch faszinierender zu machen. Nur irgendwann merke ich auch, dass nicht alle Ideen zur Geschichte oder zueinander passen, sich teilweise sogar wiedersprechen. Dann muss endlich der nächste Schritt kommen, nämlich die Arbeit daran, genau zu bestimmen, was, wem, warum, wodurch und mit welcher Auswirkung in der Geschichte passieren soll.