Ein Text von Yulet Akdeniz
Jeder liebt Fakten. Sie gelten als solide Basis unserer Wirklichkeit. Geschichten erzählen hingegen gilt als phantasievoll, aber ebenso als realitätsfern. Yulet Akdeniz studiert BWL an der Universität Duisburg-Essen und versteht sehr gut zu erklären, warum wir Geschichten eigentlich viel besser verstehen als Fakten. Die Idee dazu kam ihr, als sie ihrer Katze erklären wollte, warum sie die Couch nicht zerkratzen soll. Wissenschaft ist für Yulet eine Lebenshelferin, die ihr Orientierung gibt und ihr dabei hilft, immer das Gute und Positive des Lebens zu sehen. Denn das ist für sie das Wichtigste.
(Bild: KI-generiert)
Ich möchte heute mit einer kleinen Frage anfangen: Was ist überzeugender: eine Liste mit
Fakten oder eine gute Geschichte? Wenn ich euch jetzt zehn wissenschaftliche Fakten
aufzählen würde, würdet ihr euch wahrscheinlich nur wenige davon merken. Wenn ich euch
stattdessen eine kurze Geschichte erzähle, die euch zum Lachen bringt, überrascht oder
vielleicht sogar ein bisschen schockiert, würdet ihr sie vermutlich noch morgen erzählen
können.
Genau darum geht es mir, wenn wir uns fragen, wie mehr Menschen in unserer Gesellschaft an Forschung und Wissenschaft teilhaben können: zu verstehen, warum unser Gehirn so stark auf Geschichten reagiert und warum Erzählungen oft überzeugender wirken als reine Fakten. Psychologen haben herausgefunden, dass unser Gehirn Informationen nicht neutral verarbeitet. Es funktioniert nicht wie ein Computer, der Daten einfach speichert, sondern eher wie ein Autor, der ständig versucht, aus einzelnen Eindrücken eine zusammenhängende Handlung zu machen. Sobald wir etwas sehen oder hören, beginnt unser Kopf automatisch damit, Zusammenhänge zu verbinden. Wir wollen wissen, warum etwas passiert ist, was davor passiert sein könnte und was danach passieren wird. Diese Suche nach Bedeutung ist ein Grundbedürfnis von uns Menschen.
Wir wollen die Welt verstehen und Geschichten sind das Werkzeug, mit dem wir dieses Verständnis herstellen. Ein Beispiel aus dem Alltag: Angenommen, ihr seht jemanden auf der Straße rennen. Ihr kennt die Person nicht, ihr wisst nichts über sie. Trotzdem denkt ihr sofort: Warum rennt diese Person? Hat sie es eilig? Wird sie verfolgt? Ist sie zu spät dran? Vielleicht macht sie auch einfach nur Sport. Obwohl ihr keine Informationen habt, erfindet euer Gehirn sofort mögliche Geschichten. Es kann nämlich kaum ertragen, dass ein Ereignis ohne Erklärung bleibt. Diese Tendenz nennt man in der Psychologie den Drang zur Sinnkonstruktion. Sie hilft uns, die Welt schnell einzuordnen, kann aber auch dazu führen, dass wir voreilige Schlüsse ziehen.
Genau deshalb funktionieren Geschichten so gut. Sie liefern nicht nur Fakten, sondern auch
Zusammenhänge. Wenn ich sage: „Eine Person rennt“, ist das eine Information. Wenn ich
sage: „Eine Person rennt, weil sie den Bus erreichen will“, ist das eine Geschichte. Die zweite
Version wirkt vollständiger, verständlicher und glaubwürdiger, obwohl der Zusatz vielleicht
gar nicht stimmt. Unser Gehirn bevorzugt nämlich Erklärungen gegenüber Ungewissheit. Es
fühlt sich wohler, wenn es einen Grund kennt, selbst wenn dieser nur angenommen ist. In
Experimenten konnte man zeigen, wie stark dieser Effekt ist. Versuchspersonen bekamen
entweder eine Liste mit Fakten oder dieselben Fakten als kurze Geschichte präsentiert. Das
Ergebnis war eindeutig. Die Personen erinnerten sich deutlich besser an die Informationen,
wenn sie in eine Handlung eingebettet waren. Der Grund dafür ist, dass Geschichten Struktur geben. Sie haben einen Anfang, eine Entwicklung und ein Ende. Diese Struktur hilft unserem Gedächtnis, Informationen zu ordnen und abzuspeichern. Einzelne Fakten dagegen wirken wie lose Puzzleteile ohne eine Bildvorlage.
Doch die Wirkung von Geschichten geht noch weiter. Sie beeinflussen nicht nur, was wir uns merken, sondern auch, was wir glauben. Wenn etwas spannend erzählt wird, wirkt es oft automatisch glaubwürdiger. Das bedeutet, dass Überzeugungskraft nicht nur von der Wahrheit einer Aussage abhängt, sondern auch von ihrer Präsentation. Ein überzeugender Sprecher, ein emotionales Beispiel oder eine dramatische Darstellung können dazu führen, dass wir eine Information eher akzeptieren, selbst wenn wir sie nicht überprüft haben. Das klingt zunächst vielleicht beunruhigend, ist aber eigentlich ein ganz normaler Mechanismus. Ohne diese Fähigkeit wären wir kaum lernfähig. Schon Kinder lernen durch Geschichten. Märchen erklären ihnen, was richtig und falsch ist. Erzählungen von Eltern oder Freunden vermitteln Erfahrungen. Auch in der Schule werden komplizierte Inhalte oft in Form von Beispielen oder kleinen Geschichten erklärt, weil sie dadurch verständlicher werden. Geschichten sind also kein Trick, sondern ein grundlegendes Werkzeug des menschlichen Denkens.
Trotzdem gibt es eine wichtige Grenze. Geschichten können Wissen vermitteln, aber sie können auch täuschen. Wenn eine Darstellung gut aufgebaut ist, emotional anspricht und logisch klingt, kann sie überzeugend wirken, selbst wenn sie nicht vollständig korrekt ist. Genau deshalb ist es wichtig, dass wir lernen, Informationen nicht nur zu hören, sondern auch zu hinterfragen. Wir sollten uns fragen: Welche Teile sind belegte Fakten? Welche Teile sind Interpretation? Und welche Teile sind vielleicht nur Ausschmückung?
Gerade in der heutigen Zeit ist diese Fähigkeit besonders wichtig. Wir leben in einer Welt voller Informationen: Nachrichten, Videos, Podcasts, soziale Medien. Jeden Tag hören wir unzählige Geschichten darüber, was passiert ist und warum. Manche davon sind sorgfältig recherchiert, andere basieren eher auf Vermutungen oder Meinungen. Wenn wir verstehen, wie stark Geschichten unsere Wahrnehmung beeinflussen, können wir bewusster entscheiden, welchen Darstellungen wir vertrauen. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir misstrauisch gegenüber allen Geschichten sein sollten. Im Gegenteil, Geschichten sind unverzichtbar, wenn es darum geht, Wissen zu vermitteln. Auch ich nutze sie gerade, um euch etwas über die Bedeutung von Storytelling zu erklären. Wenn ich nur Fachbegriffe aufzählen würde, wäre das zwar wissenschaftlich korrekt, aber wahrscheinlich ziemlich langweilig. Indem ich Beispiele erzähle, versuche ich, eine Verbindung zu eurer Lebenswelt herzustellen. Genau dieser Bezug ist entscheidend dafür, ob Informationen Aufmerksamkeit bekommen und verstanden werden.
Damit komme ich zu einem wichtigen Punkt. Gute Kommunikation hängt muss immer auf das Publikum abgestimmt sein. Wenn ich über dieses Thema in einem Vortrag vor Fachpublikum sprechen würde, müsste ich Fachbegriffe verwenden, Studien zitieren und sehr detailliert argumentieren. Bei einem Science Slam dagegen wäre das Ziel, Wissen verständlich und unterhaltsam zu vermitteln. Dieser Text funktioniert so ähnlich wie ein Science Slam. Deshalb benutze ich Alltagssituationen, einfache Sprache und verständliche Beispiele. Die Inhalte bleiben wissenschaftlich, aber die Verpackung verändert sich.
Das zeigt, dass erfolgreiche Wissensvermittlung nicht nur davon abhängt, was man sagt, sondern auch davon, wie man es sagt. Vielleicht habt ihr schon einmal erlebt, dass euch jemand etwas erklärt hat und ihr es sofort verstanden habt, während dieselbe Information von
einer anderen Person völlig unverständlich wirkte. Oft liegt das nicht am Inhalt, sondern an
der Darstellung. Gute Erklärungen holen das Publikum dort ab, wo es steht. Sie knüpfen an
vorhandenes Wissen an und bauen darauf auf. Genau deshalb ist es so wichtig, sich zum Beispiel vor einer Präsentation zu überlegen, wer zuhört und welche Erwartungen diese Menschen haben.
Ich möchte euch zum Schluss eine kleine Beobachtung mitgeben. Wenn euch das nächste Mal
etwas besonders überzeugend erscheint, fragt euch kurz, warum. Liegt es wirklich nur an den
Fakten? Oder vielleicht auch daran, dass es gut erzählt wurde? Und wenn euch etwas
kompliziert oder unverständlich vorkommt, bedeutet das nicht automatisch, dass es falsch ist.
Es könnte auch einfach nur schlecht erklärt sein. Mein Ziel heute war es, euch nicht nur einen
Einblick in ein psychologisches Thema zu geben, sondern euch eine neue Perspektive zu
zeigen, eine Perspektive, in der Informationen nicht nur nach ihrem Inhalt beurteilt werden,
sondern auch nach ihrer Form. Denn wer versteht, wie Geschichten wirken, kann bewusster
zuhören, kritischer denken und gleichzeitig die Kraft guter Erzählungen besser schätzen. Und
genau darin liegt die eigentliche Stärke von Geschichten. Sie helfen uns, die Welt zu verstehen, nicht weil sie immer wahr sind, sondern weil sie Bedeutung schaffen. Und Bedeutung ist letztlich das, wonach unser Gehirn ständig sucht.
Vielen Dank, Yulet, für diese großartigen Erklärungen. Besser hätte man das, was mir an diesem Thema wichtig ist, nicht zusammenfassen können!
(gepostet: 5. März 2026)