Eine Kurzgeschichte von Celina Hellmich
Celina Hellmich studiert Germanistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Schon immer verbrachte sie mehr Zeit in Geschichten als in der realen Welt. Wenn sie nicht gerade mit der Nase in einem Fantasy- oder Romance-Buch steckt, schreibt sie gerne auch mal selbst, von Kurzgeschichten über FanFictions bis hin zu ganzen Büchern, die sie sich vielleicht oder vielleicht auch nicht irgendwann einmal zu veröffentlichen traut. Ihre Passion ist dabei die griechische Mythologie, doch auch viele anderen Ideen entspringen ihrer (meist digitalen) Feder, wie auch die folgende Kurzgeschichte.
(Foto: Celina Hellmich)
Das alte Haus war genau, wie ich es in Erinnerung hatte. Efeu umrankte die Pfeiler, welche die hölzerne Veranda trugen. Die morsche Tür ließ sich mit einem Knarzen aufschieben und fiel beinahe aus den Angeln. Ich fing sie mit einem geübten, beinahe automatischen Griff und stabilisierte ihren Halt, so wie ich es etliche Male getan hatte.
In dem leeren Raum, den ich betrat, lagen noch immer Überbleibsel eines anderen Lebens auf dem Boden. Ein abgenutztes Paar Stiefel, das wir zu reparieren versucht hatten. Abgebrannte Kerzen, mottenzerfressene Decken. Ein einst schwarzer Hut, den ich meinem Vater gestohlen hatte, nun ergraut und mit feinem Staub überzogen. Ein durchweichtes Notizbuch, unsere jetzt beinahe unkenntlichen Namen auf dem Einband. Ich hob es auf und blätterte durch die Seiten. Jahre voller Erlebnisse, verwischt auf vergilbten Seiten. Ich konnte kaum einen Buchstaben erkennen und doch fühlte es sich so an, als würden meine Erinnerungen wieder lebendig. All die Stunden, die wir hier verbracht hatten, weit entfernt von unseren Familien, unseren Pflichten, unserem realen Leben. Wettläufe durch strömenden Regen, tiefgründige Gespräche auf der Veranda, Gesang und Gelächter in der Stille des Waldes. Nichts sonst war wichtig. Nichts sonst war da. Nur wir.
Bis ich dich verlassen musste, ohne Abschied und Erklärung. All das lag so weit in der Vergangenheit. Ich war nicht mehr diejenige, die ich damals war. Ich war erwachsen geworden. Aber in diesem Augenblick, in dieser kleinen zerfallenen Hütte, war ich auf einmal wieder das Kind, das hier seine glücklichsten Momente verbracht hatte. Auch nach dir hatte ich noch Glück spüren, lachen und lieben dürfen. Doch das wahre Glück lag für mich immer an diesem Ort.
Und doch kanntest du mich nicht mehr. Mein neues Ich musste für dich eine Fremde sein, genau wie ich dich nicht mehr kennen konnte. Aus diesem Grund war ich hier. Wir mussten uns neu kennenlernen. Denn ich hatte nicht vor, auch nur einen weiteren Tag ohne dich zu verbringen. Nichts konnte mir helfen. Nichts konnte mich retten. Nur wir.
Nach einem letzten Blick durch den dunklen Raum verließ ich die alte Hütte. Der Wald war lauter, als ich ihn in Erinnerung hatte. Mich umgab ein undefinierbares Rascheln aus den Büschen, weit über mir pochte ein Specht an einen Baum. Vogelgesänge begleiteten meine Schritte. Ich war so oft durch dieses Unterholz gelaufen, trotzdem entdeckte ich vieles, als wäre es das erste Mal. Der Boden unter meinen Füßen war weich, ich sank in bisher unberührtes Moos. Einmal sprang mir ein Fuchs in den Weg. Ich schreckte zurück, doch als ich ihm hinterherblickte, zierte ein Lächeln meine Lippen. Immer wieder musste ich stehen bleiben, um wilde Blumen oder bunte Käfer zu betrachten, ich war erfasst von einer schon fast kindlichen Faszination.
Den Weg zu deinem Haus konnte ich gehen, ohne über die Richtung nachzudenken. Links an der Eiche vorbei, deren Stamm so dick war, dass wir ihn nicht einmal zu zweit umarmen konnten. Eine Weile am Bach entlang. Das Wasser glänzte in den einzelnen Sonnenstrahlen, die durch das dichte Laub fielen, das Rauschen wirkte wie die Stimme eines alten Freundes. Dann über die große Lichtung, auf der im späten Frühling der Löwenzahn blühte. Und bloß noch geradeaus, bis ich an den Rand des Waldes kam.
An diesem Zaun, der mir nun den Weg versperrte, hatten wir uns früher beinahe täglich verabschiedet. Weiter hatte ich dich nie begleitet, doch auch du bist nie zu mir nach Hause gekommen. Der Wald war unsere gemeinsame Welt, alles andere hätte sich falsch angefühlt. Deshalb kletterte ich nun zum ersten Mal über den splittrigen Holzzaun und lief über die Weide zum Haus deiner Familie.
Es war ein altes Bauernhaus, doch wenn es einmal schön und heimisch gewesen war, war nicht mehr viel davon übrig. Ich stolperte beinahe über eine Holzlatte, die irgendwann von einem Fensterrahmen der oberen Etage abgefallen sein musste. Die Holzwände waren gräulich und faul, Spinnennetze woben sich wie schmutzige Wolle zwischen den Dielen und unter dem herunterhängenden Giebel entlang. Trotz der Spätsommersonne war es kalt im Schatten des Hauses. Es fühlte sich so an, als sollte ich nicht hier sein.
Trotzdem trat ich einen weiteren Schritt nach vorne und klopfte vorsichtig an die brüchige Tür. Das Haus wirkte verlassen, vielleicht wohntest du selbst schon lange nicht mehr hier, doch ich durfte es zumindest nicht unversucht lassen. Zu meiner Überraschung öffnete sich die Tür nur wenige Momente später, langsam und unangenehm über den Boden kratzend.
Ein eingefallenes Gesicht erschien im Spalt, milchige Augen versuchten, sich auf meine Gestalt zu fokussieren. Ich hatte deine Mutter immer nur aus der Ferne gesehen, aber ich wusste sofort, wer sie war.
„Hallo“, sagte ich zaghaft, „Ich war eine Freundin ihrer Tochter. Lebt sie noch hier?“
Die alte Frau betrachtete mich stumm.
„Ihre Tochter“, sagte ich noch einmal, „Marie. Lebt sie noch hier?“
„Möchtest du hereinkommen, meine Liebe?“, fragte sie nach einem weiteren Moment der Stille.
Ich zögerte. „Ich wollte eigentlich nur…“
„Komm herein. Wir unterhalten uns bei einer Tasse Tee.“
Sie öffnete die Tür weiter und streckte eine knochige Hand nach mir aus, um mich ins Haus zu leiten, führte mich in eine Küche, die ihrem Anblick nach seit Jahren von niemandem mehr benutzt wurde. Ein Schwarm Fliegen surrte um etwas herum, das mal eine Schale mit Obst gewesen sein konnte. Ich hustete, als ich die stickige Luft in dem Raum einatmete, doch aus purer Höflichkeit rang ich mir ein Lächeln ab und ließ mich auf einem Stuhl nieder, der unter meinem Gewicht beinahe zusammenzubrechen schien.
Die Frau machte sich an einem rostigen Teekessel zu schaffen, bevor sie sich wieder zu mir umdrehte.
„Du bist eine Freundin meiner Tochter, sagst du?“
„War“, korrigierte ich, „Meine Familie ist vor zwölf Jahren umgezogen, seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen.“
„Und jetzt bist du hier, um sie wiederzusehen?“
„Das war der Plan, ja.“
Ich lachte ein wenig zittrig. Warum war mir so kalt? Warum musste ich meine Hände auf meinen Schoß legen, um sie still zu halten.
„Sie hat von dir erzählt, weißt du? Jeden Tag“, sagte die Frau, ihre Augen wanderten durch den Raum, anstatt mich anzusehen, „Weil du neben mir die Einzige warst, die sie gesehen hat.“
Ich runzelte die Stirn.
„Was meinen Sie? Hatte sie keine anderen Freunde?“
„Nein.“
Die Worte klangen seltsam, doch ich beschloss, sie nicht weiter zu hinterfragen.
„Sie lebt nicht mehr hier, schätze ich?“
„Nein.“
„Sind Sie ganz allein?“, fragte ich, eine mitfühlende Sympathie in meiner Stimme. Eine alte Frau wie sie sollte ihren Lebensabend nicht einsam verbringen müssen.
Sie nickte langsam und setzte sich mir gegenüber. „Mein Mann ist vor sieben Jahren verstorben. Er konnte sie auch nicht sehen, weißt du?“
Ich schluckte. Meine Kleidung fühlte sich kratzig auf meiner Haut an und ich begann, an einem meiner Ärmel herum zu zupfen. „Das tut mir leid. Und Marie? Seit wann ist sie nicht mehr hier?“
Deine Mutter schenkte mir einen langen Blick. „Meine Tochter starb vor siebenundzwanzig Jahren.“
Ich begann zu nicken, bevor die wahre Bedeutung der Worte sich mir erschloss. Dann erstarrte ich. „Wie bitte?“
„Marie. Meine Tochter. Sie starb nur wenige Stunden nach ihrer Geburt. Vor siebenundzwanzig Jahren.“
„Das ist nicht möglich“, sagte ich leise.
„Ich habe sie aufwachsen sehen. Doch ich war die einzige, der sie erscheinen konnte“, erwiderte deine Mutter sanft, „Bis sie dich getroffen hat, Theresa.“
„Nein.“ Meine Stimme war nicht mehr als ein atemloses Flüstern. „Sie war…“
„Nicht real. Nichts davon war es. Niemand konnte sie sehen, nur wir.“
Und ich wusste, dass sie recht hatte. Du warst ein Teil meiner Erinnerung, meiner Kindheit, aber niemals mehr als das. Du warst nicht real. Nichts davon war es.
Vielen Dank, Celina, für diese großartige Geschichte. Ich würde mich sehr freuen, diese und andere von Dir bald einmal veröffentlicht zu sehen.
(gepostet: 27. Mai 2026)