Perfektionismus - Wenn das Gehirn nicht loslassen will

Ein Text von Abiramy Ananthan

 

Begeisterung für das Thema brachte Abiramy Ananthan ab der ersten Stunde meines Seminars "Schreiben als Beruf" mit. Dass die BWL-Studentin an der Universität Duisburg-Essen darüber hinaus eine sprudelnde Kreativität besitzt, bewies sie spätestens mit der Abgabe ihres Textes zur Sitzung, in der Autorenkollege Karsten Zingsheim als Gastdozent fungierte. Ihre Aufgabe war, ein Erlebnisprotokoll zu schreiben. Im Ergebnis verfasste sie einen großartigen Text über eines der größten Übel jeglicher kreativen Tätigkeit: den Perfektionismus. 

(Bildquelle: Amazon)

 

,,Der erste Draft hat nur einen Job, er muss existieren“*

 

 

Ich nehme mein Stift in die Hand.

Es muss Perfektion ausstrahlen, von Anfang bis Ende.

Ich bin gut.

Alle Schritte müssen bis aufs kleinste Detail genau geplant und ausgeführt werden.

Bin ich gut genug?

Ein kleiner Fehler und es ist zum Scheitern verurteilt.

Ich bin nicht gut genug.

Ich bin noch nicht bereit.

Ich warte lieber auf den richtigen Moment, auf ein Zeichen.

Erst dann funktioniert es,

erst dann wird es perfekt,

erst dann ist es richtig.

Ich lege mein Stift nieder.

Die Uhr tickt.

Es verstaubt,

nicht nur mein Stift.

 

Perfektion erwarten, keine Fehler machen. Ich kenne dieses Gefühl. Ich kenne dieses Gefühl so gut, dass es mich fast schon stört, es zuzugeben. Aber wie Herr Zingsheim uns am 19. Dezember mitgab: ,,Die Schwächen sind viel wichtiger als die Stärken.“ Diese Aussage galt eher der Ausarbeitung eines Protagonisten, aber für mich hörte sich dies wie eine Weisheit fürs Leben an.

 

Die eigenen Schwächen anzuerkennen und an ihnen zu arbeiten, ist von einer ebenso großen Bedeutung, wie die eigenen Stärken zu finden und sie zu nutzen. Ein jeder hat Schwächen und, ob man will oder nicht, irgendwann im Leben wird der Zeitpunkt kommen, an dem wir mit ihnen konfrontiert werden. Daher ist es vom Vorteil, die Zügel in die Hände zu nehmen, sich mit seinen Schwächen auseinanderzusetzen, anstatt sie zu verleugnen und in einem unerwarteten Moment von ihnen attackiert zu werden.

 

Wir alle, ob bewusst oder unbewusst, sind Sklaven von etwas. Einige sind dem Geld unterworfen, manch anderer der Liebe. In meinem Fall bin ich ein Sklave des Perfektionismus. Alles, was ich tue und nicht tue, muss meinem Perfektionismus ebenbürtig sein, was nicht Stand halten kann, wird ohne Zögern abgestoßen. Mir ist bewusst, dass ich mit diesem Ideal nichts zustande bringen kann. Dieser Idealismus, an dem ich mich so klammere, vernachlässigt einen wichtigen Faktor: das Versuchen. Ohne es auch probiert zu haben, wende ich mich dem Unversuchten ab. Unwissend wie viele möglichen Schätze mir damit entgehen.

 

Wer nicht versucht, der nicht gewinnt, richtig?

Aber was, wenn ich scheitern sollte?

Wenn ich mich blamiere?

Was wenn?…Was dann?

 

Ich habe zwei Möglichkeiten:

1. Ich tue nichts

2. Ich tue was, scheitere und tue dann wieder nichts.

 

Letztendlich, falls ich scheitern sollte, komme ich wieder an Punkt 1 an. Kein großer Verlust, oder? Im Gegenteil, durch die Erfahrungen, die ich durch das Scheitern gesammelt habe, ist das kein Reset sondern ein Level Up. Und zum Thema Blamieren habe ich ein passendes Zitat von Ed Latimore:,, Wenn du nicht bereit bist, wie ein törichter Anfänger auszusehen, wirst du niemals zu einem souveränen Master werden.“ Lernen und wachsen, das sind zwei der größten Bestandteile, die unser Leben ausmachen. Egal, wie man es auch drehen und wenden mag, man kann diese Phasen weder ignorieren noch überspringen, sie sind unumgänglich. Das müssen wir wohl oder übel akzeptieren. Aus nichts entsteht auch nichts. Jeder muss bei Null anfangen. Natürlich kann bei jedem diese Null anders aussehen, aber das Prinzip ist dasselbe. Sich dabei zu blamieren, ist der Preis für den Eintritt.

 

Und was, wenn ich es doch schaffen sollte?

Was, wenn ich voran komme?

Was wenn?...Was dann?

 

Dann habe ich mein Beweis dafür, dass ich das und noch mehr schaffen kann. Wie Neville Goddard einst sagte:,, Der Beweis folgt, er kommt nicht vorher.“ In der Wissenschaft ist es nicht anders. Fakten belegen eine Theorie erst nachträglich. Man kann nicht beweisen, dass eine Theorie stimmt, bevor man die Experimente durchgeführt hat. Wieso das nicht auch aufs Leben beziehen? Schaffe ich das? Theorie aufstellen: Ich schaffe das. Experiment starten. Beweise folgen. So lässt sich das einfacher betrachten, oder nicht?

 

Abschließend kommt meine Inspiration für dieses Protokoll ins Spiel, eine Aussage von Herrn Zingsheim:,, Der erste Draft hat nur einen Job, er muss existieren.“ Für mein sich an Perfektion klammerndes Gehirn hatte dieser Satz eine sehr beruhigende Wirkung. Nur existieren. Mehr nicht. Keine Perfektion. Keine Erwartungen. Die Existenz allein reicht aus. Was für ein schöner Gedanke, sie nimmt mir eine Last von den Schultern.

 

Ich sehe diesen Ansatz als Geschenk, das ich mir selbst immer wieder machen möchte, ein Ansatz, der mich zum Nachdenken und Reflektieren gebracht hat, der mich inspiriert hat, mehr und besser zu schreiben. Für dieses Wissen und die Erfahrung danke ich.

 

 

 

Ich danke Dir, Abiramy, für diese wichtigen und großartigen Gedanken. Kann man den Spaß am Schreiben noch besser ausdrücken? 

 

*Zitat von Karsten Zingsheim in der Sitzung des Seminars "Schreiben als Beruf" am 19.12.2025

 

(gepostet: 2. März 2026)