I can only imagine (Start: 27.9.2018)

Quelle: wikipedia.org
Quelle: wikipedia.org

Als ich am Mittwoch (19.9.18) endlich wieder einmal in die Duisburger Sneak Preview ging, wollte ich aus der reichhaltigen Auswahl nur einen einzigen Film nicht sehen: „I can only imagine“. Dass sich dieser Wunsch nicht erfüllte, ist wohl aus dem Titel dieses Textes ersichtlich. Doch im Nachhinein muss ich sagen, dass ich über diesen Umstand froh bin. Der Reiz einer Sneak liegt ja darin, einfach ins Kino zu gehen und sich auf etwas einzulassen. Man entdeckt Filme, die man sich vielleicht sonst nie angeschaut hätte, teilweise fühlt man sich hinterher bestätigt, teilweise ist man froh, dass man ihn doch gesehen hat. Im Fall von „I can only imagine“ trifft tatsächlich beides zu. Wie kann das sein?

 

Der Film ist den Machern nach eine biografische Aufarbeitung der Entstehungsgeschichte des Hits gleichen Titels der christlichen US-Band Mercy Me. Sänger Bart Millard schrieb dieses Lied für seinen verstorbenen Vater und der Band gelang damit ihr endgültiger Durchbruch. Die Geschichte setzt in Barts Kindheit ein, als er in einem baptistischen Camp das Mädchen Shannon kennenlernt. Als er wieder nach Hause kommt, ist sein gewalttätiger Vater von seiner Mutter verlassen worden. Fortan muss Bart alleine mit ihm leben. Um ihm zu gefallen, beginnt er Football zu spielen, was er wegen einer Verletzung jedoch aufgeben muss. Aus der Not heraus meldet er sich im Schulchor an und wird als Sänger entdeckt. Sein Vater schätzt diesen Umstand überhaupt nicht und so läuft Bart von zuhause weg und heuert in einer Band an, die sich später Mercy Me nennt. Einige Jahre touren sie durch die Lande, bis ein Manager auf sie aufmerksam wird. Die Agenten der Plattenfirmen lehnen die Band dennoch ab und so flieht Bart frustriert zurück nach Hause. Er versöhnt sich mit seinem Vater, der inzwischen unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkankt ist. Nach dessen Tod schreibt Bart aus Verzweiflung das Lied „I can only imagine“. Sein Manager ist begeistert und will den Song an die Sängerin Amy Grant verkaufen. Als sie ihn bei einem Konzert spielen will, ist sie so gerührt, dass sie Bart auf die Bühne holt und ihn den Song selbst singen lässt. Das ist der Durchbruch für seine Band und natürlich finden er und seine große Liebe Shannon wieder zusammen.

 

Das Erleben dieses Films möchte ich, ganz Geisteswissenschaftler, in drei Phasen einteilen. Die erste war mittendrin. Eigentlich ist er ganz schön inszeniert. So lange Bart mit sich und seiner Musikkarriere hadert, kommt gar eine gewisse Spannung auf. Doch die verfliegt schnell, wenn er zu seinem Vater zurückkehrt, sich mit ihm aussöhnt und nach seinem Tod den Song schreibt. Die Aneinanderreihung von Klischees wird Schritt für Schritt übermächtig, bis ich hinterher das Gefühl hatte, dass wirklich alles bedient wurde, ohne dass ein Konflikt tatsächlich einmal ausgeführt oder auch nur ein wenig tiefer durchlitten wurde. An wirkliche faszinierende Musikerbiografien wie „The Doors“ oder „Walk the line“ kommt der Film im Leben nicht ran. Aber gut, er erzählt eine Geschichte von einem verwirklichten Traum, also warum nicht? Muss ja nicht immer tiefsinnig sein.

 

Die zweite Phase kam nach dem Film. Je mehr ich über die Geschichte nachdachte, desto ärgerlicher wurde ich. Das lag besonders an der Beziehung zwischen Bart und seinen Eltern. Der Vater misshandelt ihn, die Mutter lässt ihn im Stich. Das belastet ihn sehr. Doch weder der eine noch der andere Konflikt wird ausgetragen. Dem Vater verzeiht er, weil er schwer krank ist, die Mutter gar mag ihn erst wieder, als er ein erfolgreicher Musiker ist. Da dachte ist, das ist doch ein Schlag ins Gesicht eines jeden Menschen, der in seiner Kindheit Missbrauch und Vernachlässigung ausgesetzt war. Im Film verzeiht (religiös: vergibt) Bart seinen Eltern einfach alles, ohne dass sie mit seinem Leid wirklich konfrontiert werden, für das sie ja selbst verantwortlich waren. Die Wirklichkeit ist ohnehin eine andere Sache, aber in einer Geschichte erwarte ich doch etwas mehr als sinnlose Versöhnung, eher so etwas wie eine Katharsis, gerade bei einem solchen Thema.

Die dritte und letzte Phase kam heute, da ich mir überlegte, doch eine Review über den Film zu schreiben. Ich recherchierte und den üblichen Quellen nach hat der Film mit den tatsächlichen Ereignissen wenig gemein. Zum Beispiel ist der Vater von Bart Millard bereits während seiner High-School-Zeit gestorben, lange bevor er eine Band hatte. Ich fragte mich, warum der Film überhaupt biografische Bezüge herstellt, bis ich entdeckte, dass er zu dem, in den USA populären Genre des christlichen Films gehört und angeblich einer der subtilsten sein soll. Tatsächlich hat mich das auf eine seltsame Art schockiert.

 

So ist „I can only imagine“ für mich ein Film, der mittels einer leidlich wahren Geschichte ein fragwürdiges Verhältnis zu Autoritäten zeichnet. Hier wird den Erziehungsbeauftragten jeglicher Missbrauch und jegliche Vernachlässigung verziehen, sobald sie entweder totkrank sind oder der Sohn (in diesem Fall) Erfolg und viel Geld hat. Wenn ich bedenke, mit wie viel Argwohn der Papst-Franziskus-Film im Hinblick auf christlich-kirchliche Propaganda gesehen wurde, komme ich nicht umhin zu schlussfolgern, dass definitiv an der falschen Stelle gesucht wurde. Denn was dieser Film transportiert, ist ein Lobgesang auf strenge Autoritäten, die sich selbst nicht hinterfragen müssen. Das hat mit meiner Vorstellung von christlichen Werten nichts zu tun.

(gepostet: 29.9.2018)