ES - Kapitel 2 (Start: 4.9.2019)

Quelle: www. filmstarts.de
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„ES“ ist eine maßgebliche Geschichte meiner Jugendzeit gewesen, das Buch ebenso wie die Verfilmung mit Tim Curry als „Pennywise“. Somit ist sie für mich auch so etwas wie ein kleines Heiligtum, dessen Neuadaption ich zunächst mit gemischten Gefühlen entgegen gesehen habe. Stephen King, als Autor ebenso verehrt wie gescholten, ist meiner Meinung nach dann besonders stark, wenn er es schafft, menschliche Urängste und -konflikte in eine Geschichte zu packen, die eben doch ein wenig mehr ist, als nur Horror. Selten ist ihm das besser gelungen. Im Buch „ES“ werden die Mitglieder des „Klubs der Verlierer“ alle zunächst als Erwachsene vorgestellt, um dann Stück für Stück an das traumatische Erlebnis ihrer Jugend erinnert zu werden, das zugleich untrennbar mit der „Zeit der Unschuld“ verbunden ist. Der Clown hat sich nicht nur traumatisiert, er hat ihnen ihre Kindheit genommen. Sie wollten und mussten ihre Kindheit vergessen und zugleich lief ihr weiteres Leben so ab, als hätten sie sie nie gehabt. Sie vergaßen, dass sie einmal Freunde hatten, mit denen sie das unaussprechliche Böse besiegten. Nun, 27 Jahre später, müssen sie sich erneut damit konfrontieren und merken, dass dies eigentlich das Beste war, was sie in ihrem Leben gemacht haben. Doch um das wieder zu bekommen, müssen sie das Böse ihrer Kindheit erneut besiegen.

 

Der erste Teil der neuen Verfilmung von 2017 ist der erfolgreichste Horrorfilm aller Zeiten. Das liegt unzweifelhaft an zwei Dingen: Die Geschichte an sich, wie sich die Außenseiter zusammenrotten, um nicht nur den bösen Clown, sondern auch ihre eigenen Geister zu besiegen, ist einfach immer wieder mitreißend. Außerdem ist die schauspielerische Leistung der „Kids“ tatsächlich außergewöhnlich. Mit der Idee und den Mitteln, die Regisseur Andrés Muschietti zur Verfügung standen, war allerdings der erste Teil relativ dankbar im Vergleich zum zweiten, in der eben das „Coming-of-Age“-Drama mit dem endgültigen Sieg über „ES“ zusammengeführt werden muss. Es ist also kein Wunder, dass die Kinowelt mit Spannung auf das große Finale wartete. Seit letztem Donnerstag hat das Warten endlich ein Ende.

 

Für mich, der diese Geschichte seit seiner Jugend kennt, ist es vor allem wichtig, dass eine Verfilmung  die Grundidee nicht pervertiert, so wie es meiner Meinung nach bei „Friedhof der Kuscheltiere“ geschah. Und da ich nicht zu viel spoilern will, kann ich nur mit Erleichterung feststellen, dass dies mit „ES“ auch im zweiten Teil nicht geschehen ist. Die erwachsenen Schauspieler, allen voran James McAvoy (Split, Dark Phoenix) als Billy und Jessica Chastain (Crimson Peak, Dark Phoenix) als Beverly, führen uns gekonnt durch die Seelenzustände der alt gewordenen „Verlierer“, vom Schockzustand der Rückkehr von „ES“, über die Konfrontation mit ihren alten Gespenstern bis hin zum ultimativen Kampf gegen das Böse und für ihre eigene Identität. Für mich ist genau dieser Kampf des erwachsenen Ich mit dem kindlichen noch besser dargestellt als in der ersten Verfilmung von 1990. Ebenso wie Kinder es Erwachsenen nicht verzeihen, wenn sie nicht respektiert werden, wird der Erwachsene in seinem Leben nicht glücklich, wenn er sich selbst, seine Ängste und Wünsche als Kind ignoriert. Genau darum geht es in „ES, Teil 2“. Ängste, die wir als Kind nicht besiegen, verfolgen uns unser ganzes Leben. Warum sonst sollte sich ausgerechnet das nimmermüde Lästermaul Richie (Bill Hader), der inzwischen Comedy-Star ist, erst einmal übergeben und seinen Auftritt vergeigen, wenn er auch nur einen Anruf aus seiner alten Heimat Derry bekommt?

 

So kann ich sagen, dass in dieser Verfilmung die für mich wichtigste Essenz der Geschichte gut bewahrt worden ist. Ich habe mir das Double-Feature angesehen und es war wirklich sehr gut, dass ich vor dem zweiten noch einmal den ersten Teil sehen konnte. So wurden die Zusammenhänge zwischen den beiden Teilen wesentlich deutlicher. Natürlich kann man auch Kritik anbringen. Der zweite Teil besitzt einige Längen, sowohl in immer gleich aufgebauten Erinnerungssequenzen der Erwachsenen, wie sie als Kinder von Pennywise terrorisiert wurden. Andererseits sind diese Szenen interessante Ergänzungen zum ersten Teil, die die eine oder andere offene Frage noch klären. Auch der Showdown ist sehr lang gezogen und hätte sicher die eine oder andere Straffung vertragen. Gespaltene Reaktionen wird sicher auch die Tatsache hervorrufen, dass es tatsächlich einige sehr witzige Szenen gibt, die die Horroratmosphäre auflockern.

 

Der vielleicht interessanteste Kritikpunkt betrifft die Ausgestaltung der Figuren im Erwachsenenleben. Tatsächlich hinterlässt der Film den Eindruck, die „Verlierer“ als jene verschworene Gemeinschaft, die das Böse besiegt und dennoch nie glücklich geworden ist, ein wenig zu vernachlässigen. Mit anderen Worten: Es drängt sich der Gedanke auf, dass die Geschichte an und für sich im zweiten Teil keine wirkliche Horrorgeschichte ist. Die Erwachsenen hätten vielleicht doch mehr unter einander agieren, sich ihre Lebensgeschichte, ihre Probleme, Ängste und Zweifel und ihre Einstellung zu Leben erzählen sollen. Auch verschiebt sich die Rolle der Hauptfigur merklich. Während im ersten Teil Billy wegen des Todes seines Bruders George eindeutig die treibende Kraft ist, sind es im zweiten Teil andere, auf denen der Fokus liegen sollte. Das wird auch durch die prominente Besetzung mit James McAvoy etwas verschleiert. Also, dieser Stoff ist noch nicht an seinem Ende angelangt. Ähnlich wie Batman mindestens ein halbes Jahrhundert auf seine Perfektionierung durch Christopher Nolan gewartet hat, ist der Pennywise von Muschietti womöglich noch nicht das Ende der Fahnenstange. Man darf gespannt sein.

 

Im Ganzen macht der zweite Teil von „ES“ aber die Geschichte gut zu. Ich halte diese Verfilmung tatsächlich für einen neuen Maßstab, an dem sich zumindest andere King-Verfilmungen, wenn nicht gar alle Horrorfilme messen lassen müssen. Denn Verfilmungen von King-Geschichten sind allzu oft äußerst trashig ausgefallen und selbst die besseren wie „Shining“ oder „Carrie“ sind eher Geschmackssache. Auch hat King selbst mit seinen Büchern nicht immer optimale Vorlagen geliefert, aber sein Name war eben Garant für klingelnde Kassen, bis er von der Harry-Potter-Mania gewissermaßen „überrowlt“ wurde. Jetzt feiert er ein Comeback, vielleicht gar eine Renaissance, wenn man bedenkt, dass mit „Doktor Sleep“ in wenigen Wochen direkt die nächste Verfilmung ansteht. Es wäre schön, wenn alle Regisseure, Autoren und Produzenten so sensibel und klug mit den Stoffen umgehen würden, wie die Beteiligten an „ES“. Sollte das der Fall sein, stehen uns in Zukunft noch einige spannende und mitreißende Kinostunden ins Haus. Ich würde mich echt freuen. (gepostet: 10.9.2019)