H. P. Lovecraft: Die Farbe aus dem All

H. P.  Lovecraft
H. P. Lovecraft

Die Idee, einen einzigen Mythos in einer Vielzahl von an sich eigenständigen Geschichten zu vereinen, gehört sicher zu den großen Inspirationen der Schriftstellerei. Lange bevor Tolkien Mittelerde erschuf und uns damit ein von unserer Welt autarkes Universum hinterließ, setzte der Amerikaner H. P. Lovecraft uns einzelne Teile eines großen Geheimnisses hinter die Kulisse unserer eigenen Welt. Seine Phantasie erschuf mystische Monster, die „die großen Alten“ genannt werden, wie Cthulhu, Azathoth oder Nyarlathotep, allesamt Wesen, die mitunter nur noch ganz entfernt uns bekannte Formen der Anatomie abbilden. Sie kommen aus dem All, schlafen im Meer und überall auf der Welt sind ihre Kulte aktiv oder haben Menschen mit ihnen Kontakt. Die Trennwand zwischen ihnen und der Menschheit ist hauchdünn, sie selbst könnten eigentlich jederzeit hervorkommen.  Sie werden zu namenlosen, gotteslästerlichen, unaussprechlichen (alles gerne verwendetes Vokabular in den Lovecraft-Übersetzungen) Bedrohungen, die von Menschen Besitz ergreifen, wie in „Der Fall des Charles Dexter Ward“ oder „Das Ding auf der Schwelle“, die menschliche Neugier reizen, nur um am Ende das wahrhafte Grauen zu sehen, wie in „Der Schatten über Innsmouth“, „Pickman’s Modell“ oder „Der Ruf des Cthulhu“, oder schlicht und einfach über sie kommen, wie in „Der Tempel“ oder „Das Fest“. Diese und noch viele weitere Geschichten sind Blätter, deren Stamm und Zweige ein und derselbe Mythos ist. Und es ist nicht verwunderlich, dass er nun schon fünf oder sechs Generationen von Lesern immer von neuem reizt.

 

Und doch wähle ich für meine Vorstellung eine der wenigen Geschichten dieses Autors, die gewöhnlich nicht in den Kontext dieses Mythos eingebunden wird. Zumindest hat Lovecraft keine der sonst üblichen Hinweise hinterlassen. Nicht einmal das berühmte „Necronomicon“, das Protagonisten seiner Geschichten gerne finden und darin blättern, ist erwähnt. In „Die Farbe aus dem All“ geht es um einen Kometen, der an einem Sommertag auf einem Landstrich in der Umgebung von Arkham einschlägt und offenbar bewirkt, dass die Bauernfamilie Gardner psychisch und physisch dahinsiecht und zu Grunde geht. So einfach, so klar. Kein Monster am Ende, keine Offenbarung.

 

So illustriert das Fehlen des „Necronomicon“ und aller anderen üblichen Hinweise auf den Cthulhu-Mythos bereits die absolute Finsternis, der sich Figuren und Leser wehrlos in dieser Geschichte gegenüber sehen. Es gibt keine Erklärung außer die geschilderten Ereignisse. Es gibt keine Lösung, kein Entkommen, keinen Versuch, sich zu wehren. Der Gegner, wenn man ihn überhaupt als solchen bezeichnen kann, hat kein Motiv,  nicht einmal einen fassbaren Willen, keine Sprache, außer der, die den besessenen „Infizierten“ im letzten Stadium ihrer unendlichen Qual aufgezwungen wird. Jeder, der die Geschichte der Gardners vernimmt, die der alte Ammi Pierce unserem Protagonisten erzählt, muss fassungslos in diese tiefe, unendliche Schwärze der Erkenntnis blicken, dass der Mensch an sich kein sinngebendes Wesen ist, sondern sich den Kräften des Alls schutzlos gegenübersieht. Es gibt keine Liebe, keine Gnade, keinen Gott, nur Schmerz und Tod in groteskesten Formen fernab jeder Vorstellung. In der unendlichen Unbedeutenheit unserer Qualen liegt die Gemeinsamkeit eines jeden Menschen, alles andere ist eine Illusion. Das macht diese Geschichte so abgrundtief schwarz.  

 

Es ist das pure Grauen und wenn man sich über Lovecraft erzählt, er habe mit der „Farbe aus dem All“ eine Wesenheit erschaffen wollen, die nichts mit unserer gewöhnlichen Vorstellung von etwas Außerirdischem zu tun hat, so ist ihm dies so eindrucksvoll gelungen, dass ich diese Geschichte ohne Weiteres in die großen Erzählungen der Weltliteratur einordnen möchte. Jeder wirklich schöpferische Künstler fischt Zeit seines Schaffens immer wieder im Trüben, findet Ideen, arbeitet sie aus und häufig kommt dabei etwas Gutes zu Stande. Doch richtig glücklich kann sich schätzen, wer auch nur ein einziges Mal in seinem Leben das Glück hat, das perfekte Thema für sich zu finden, das Thema, das sich mit keinem Stil und durch keinen Menschen besser ausgedrückt sieht, als durch eben jenen einen. Im Falle dieser 1927 erstmals veröffentlichten Geschichte würde ich sagen, dass sie genau diesen Glücksmoment im schriftstellerischen Leben von H. P. Lovecraft repräsentiert. Thema und Autor passen perfekt zueinander. Noch mehr könnte man sagen, dass der Autor, ohne es zu wissen, seinen Stil immer weiter in eine bestimmte Richtung entwickelt hat, als hätte er nur auf dieses Thema gewartet, oder vielmehr das Thema auf ihn, wie die großen Alten in den Tiefen des Ozeans schlummern. Wohl jeder Autor schauriger Geschichten träumt davon, ein über alle Maßen böses und grausames Geschöpf zu erschaffen, einen Geist, einen Dämon, manchmal ist es sogar ein Mensch. Doch am Ziel all dieser Möglichkeiten stand bei diesem Erfinder so vieler mystischer Wesen nichts davon, sondern schlicht und einfach eine „Farbe“.

 

„Es“, ein anderes Synomym für die Farbe gibt es in dieser Geschichte nicht, ist das perfekte Horrormonster, unaufhaltsam, unerklärlich, mit dem menschlichen Verstand nicht zu fassen und völlig ohne Motiv für seine Handlung. „Es“ befällt Pflanzen, Tiere, Menschen, allerdings mit unterschiedlichen Auswirkungen. Die Pflanzen scheinen von ihm besessen zu sein, bewegen sich, strecken sich gen Himmel. Die Tiere scheuen und haben furchtbare Mutationen, die Menschen degenerieren zunächst geistig, dann körperlich und verenden unter schlimmsten Qualen. Dabei ist „es“ nicht einmal ansteckend, auch nicht unsichtbar, es scheint ihm einerlei, ob es entdeckt wird oder nicht. Der Mensch wird „es“ früher oder später über die Nahrung zu sich nehmen, da seine Präsenz offenbar dieselbe Gleichgültigkeit in den Menschen seiner Umgebung erzeugt, mit der es ihnen begegnet. Der Mensch hat zunächst nicht einmal Angst davor, er steht ihm einfach fassungslos gegenüber. „Es saugt einem das Leben aus, es bricht deinen Verstand und dann kriegt es dich, verbrennt dich voll und ganz“, ist einer der letzten Sätze des Bauern Gardner und besser kann man es wohl nicht beschreiben. Von den Opfern bleiben nur „Überreste“ zurück, die allerdings bis zu dem offenbar letztmöglichen Zeitpunkt noch leben und bei Bewusstsein sind. Ein Martyrium unvorstellbaren Ausmaßes, kalt, mechanisch, völlig unphilosophisch brechen die dem Menschen unbekannten Naturgesetze des Universums über ihn herein.

 

Ebenso kalt und mechanisch ist auch der Aufbau der Geschichte. Mit dem Begriff Spannung ist die Beklemmung während der Lektüre wohl nicht treffend beschrieben, obwohl die Erzählung den Leser anzieht wie die „Farbe“ selbst. Zunächst berichtet der Protagonist von seinen Eindrücken der Landschaft, wie sie sich dem Reisenden nach den „seltsamen Tagen“, wie der Zeitraum der Ereignisse genannt wird, darstellt. Er ist ein Landvermesser aus Boston und arbeitet für eine Firma, die demnächst das verfluchte Tal fluten will, um dort einen Stausee zu errichten. So kommt der Protagonist mit dem Augenzeugen Ammi Pierce in Verbindung, der ihm die ganze Geschichte erzählt. Am nächsten Tag fährt der Protagonist weg, kündigt seine Stelle und will in seinem Leben nie wieder diesen Landstrich betreten. Dann folgt die Geschichte in einem äußerst stringenten Schema: zunächst der Meteoriteneinschlag, dann die Untersuchung des Gesteins, seine Auswirkung auf die Pflanzen, auf die Tiere und schließlich auf den Menschen. In diesem Sinne gibt es in dem protokolarisch anmutenden Aufbau keine Spannungsmomente, weil es nicht eine Sekunde der Hoffnung gibt. Nur die nackte Schilderung der grausigen Ereignisse. Somit passt die Struktur perfekt auf das Thema.

 

Ebenso nahtlos fügt sich der Stil in das Thema ein. Speziell als Historiker mag ich die Erzählperspektiven von Lovecraft, die die Geschichten oft als Erzählungen von Augenzeugen oder als Ergebnis von Recherchen präsentieren.  „Die Farbe aus dem All“ schildert die Ereignisse als eine Sammlung von der Erzählung des Ammi Pierce sowie Gerüchten in der Bevölkerung und Ergebnissen wissenschaftlicher Untersuchungen der „Farbe“. Diese Mischung verleiht der gesamten Erzählung eine nahezu erdrückende Aufrichtigkeit und Authentizität. Dabei geht der Autor mit den für ihn so typischen Begriffen (siehe oben) eher spärlich um, sondern schafft es, das Grauen an Hand von Handlungen und Ereignissen zu übermitteln, was mich noch mehr von meinem Schluss überzeugt, dass er hier das perfekte Thema für sich gefunden hat. Auch sein Stil hat sich in der Umsetzung dieses Stoffes perfektioniert.

 

Schließlich ist auch das Ende der Geschichte mehr als bemerkenswert. In den meisten Erzählungen von Lovecraft ist das Ende die mehr oder weniger vollständige Enthüllung des Grauens, das sie thematisieren. „Die Farbe aus dem All“ geht noch weiter. Nachdem mit dem Familienvater Nahum auch der letzte der Gardners sein grausames Ende gefunden hat, präsentiert sich die „Farbe“ in all ihrer Macht, leuchtet, lässt die Natur aufbegehren und Menschen und Tiere erzittern. Schließlich gibt der Protagonist noch zu Protokoll, dass das Licht der Sonne stets ein wenig anders ist in diesem Landstrich, dass die Landbevölkerung sagt, der Fluch breite sich jedes Jahr um einen Zoll aus und dass es noch mehr Steine mit der Farbe gegeben haben muss, die zur Erde herabgefallen sind. Man möchte dem Wahnsinn verfallen angesichts dieser Aussichten, aber selbst das passiert auf Grund seiner Zwecklosigkeit nicht.

 

Mit dieser Würdigung möchte ich keinesfalls geringschätzig klingen gegenüber dem von Lovecraft geschaffenen Kthulu-Mythos. Er fasziniert mich ebenso und lässt mich die Geschichten immer wieder mit Freude lesen. Doch als Autor finde ich auch immer wieder kleinste Facetten der Ungereimtheit in den Erzählungen, die mir Inspiration und Ideen eröffnen, wie ich meine eigenen Texte besser machen kann. In dieser nicht: „Die Farbe aus dem All“ ist Horrorliteratur in Perfektion, die es mit jedem anderen Literaten, mit jedem anderen Genre aufnehmen kann. Also kommt mit und lasst Euch von der Dunkelheit einhüllen. Es gibt ohnehin kein Entkommen:

 

„Westlich von Arkham steigen die Berge wild auf. Dort gibt es Täler mit tiefen Wäldern, an die nie eine Axt gelegt wurde. Es gibt dunkle, enge Schluchten, wo Bäume …“