Carlos Ruiz Zafón: Marina

„Das Spiel des Engels“ und „Der Schatten des Windes“ – in dieser Reihenfolge habe ich zunächst die Romane von Carlos Ruiz Zafón gelesen, auf Empfehlung und ohne Enttäuschung. „Der Friedhof der vergessenen Bücher“ ist ein toller, phantasievoller Ort und das Barcelona dieser Geschichten mutet ein wenig an wie eine leidlich moderne Version von Paris, als habe sich dort seit dem Glöckner von Notre Dame baulich wenig getan. Zafón hat ein Händchen für mystische Atmosphären und obwohl sich neunzig Prozent seiner Handlung im Rahmen des wissenschaftlich Nachweisbaren abspielt, rechnet man an jeder Ecke mit Gespenstern und Dämonen. Mit anderen Worten: Ob Hobbyleser oder Autor, diese Romane sind ein Gewinn.

 

Allerdings hat die wirkliche Faszination auch irgendwie gefehlt. Die Romane halten meinen Kopf nicht fest, sie sind vorbei, wenn sie zu Ende gelesen sind. Gereicht hat es, um auch Zafóns Romandebüt „Marina“ einmal in die Hand zu nehmen, obwohl es nicht in die Reihe der anderen Romane gehört. Dünner, weniger ausschweifend, weniger politisch womöglich, denn es spielt im Spanien nach der Franco-Diktatur. Aber vielleicht gerade deswegen ist „Marina“ für mich das (bisher) beste Buch von ihm. Er selbst gibt im Vorwort zu, dass er sich damit seine Jugend vom Leib geschrieben hat. Das ist nicht selten bei Erstlingswerken, wird aber von Rezensenten oft etwas abwertend erwähnt. Warum? Vielleicht weil es nicht die bösen, folternden Machthaber gibt, die einem das gesellschaftliche Anliegen des Buches auf dem Silbertablett servieren. Doch "Marina" behandelt eine essentielle Frage der Menschheit, nämlich die nach dem Traum vom ewigen Leben. Es ist gespickt mit unheimlichen, nahezu grotesken Szenerien, die im Gedächtnis bleiben, und hinterlässt beim Leser den Eindruck, wirklich etwas erlebt zu haben.

 

Kurz zur Handlung: Der junge Oscar Drai ist Internatsschüler und erzählt uns zu Beginn, dass er an einem Bahnhof in Barcelona von der Polizei aufgegriffen wurde, nachdem er für eine Woche verschwunden war. Der Grund dafür liegt in der Geschichte um seine Bekanntschaft mit der jungen, exzentrischen Marina und ihrem Vater German, die in einem ruinenartigen Haus in einem alten Viertel von Barcelona wohnen. Vom ersten Moment an hat sich Oscar in Marina verliebt und auch sie entwickelt schnell eine tiefe Sympathie für ihn. Ihr Vater, ein vom Schicksal geplagter Künstler, behandelt ihn wie einen Schwiegersohn. So werden die beiden schnell zu einer Art Familie für den Schüler. Auf einem gemeinsamen Spaziergang entdecken Marina und Oscar ein altes Gewächshaus, in dem an der Decke dutzende von lebensgroßen Marionetten hängen, von denen schnell klar wird, dass sie aus Körperteilen von echten Menschen bestehen. So versucht Oscar nicht nur, den Hintergrund dieser abstoßenden Installation herauszufinden, sondern wird auch wenig später von grotesken Gestalten verfolgt, die bis in seine privaten Gemächer vordringen. Marina hilft ihm dabei, die Rätsel zu lösen, und trotz ihrer engen Beziehung lässt sie offenbar vieles unausgesprochen von den Geheimnissen, die sich um sie selbst ranken.

 

Wer sich davon angesprochen fühlt, wird von dem Roman nicht enttäuscht sein. Obwohl es mir bei Zafón zuweilen missfällt, dass in seinen Erzählungen die Protagonisten oft die Geheimnisse einfach erzählt bekommen, sobald sie die entsprechenden Personen ausfindig gemacht haben, gibt es genug zu erleben. Viele Handlungsstränge greifen wohl komponiert ineinander, die Szenerien sind originell und die Dreiecksbeziehung von Oscar, Marina und ihrem Vater bis zum Ende interessant. Großartiges Debüt, das man auch als Autor mit viel Gewinn lesen kann, denn Atmosphäre beherrscht Safon schon von je her.